Charakterisierung


Leben und Werk

„Man muß aus dieser Beziehung zur Tradition versuchen, heute verständliche Musik zu schreiben [...], die nicht nur Schockwirkungen hervorruft.”

Komponisten der Generation Friedrich Zehms lebten in ihrer Jugend und als junge Erwachsene aufgrund der politischen und historischen Ereignisse in einer Ausnahmesituation. Zum einen wurde ihre Ausbildung durch den Krieg und den Kriegsdienst um mehrere Jahre verzögert bzw. unterbrochen, zum anderen waren sie bis zum Ende des Krieges nur mit einer traditionskonformen musikalischen Sprache und den Werken eines kontrollierten Komponistenkreises in Berührung gekommen.

Paul Hindemith, Igor Strawinsky oder Arnold Schönberg waren vielen jungen Musikern nach dem Krieg nur vom Namen her bekannt – gehört hatten sie noch nichts von ihnen. Es bestand ein großer Nachholbedarf, und in der Zeit des Lernens und Aufholens richteten die Studierenden ihren Blick auf die Komponisten der klassischen Moderne und orientierten sich zunächst an ihnen.

Friedrich Zehm, geb. 1923 in Schlesien, wuchs in Pommern auf, studierte in Freiburg, arbeitete lange Zeit in Mainz und lebte bis zu seinem Tod Ende 2007 in Wiesbaden. Auch seine Biographie erfuhr einen tiefen Einschnitt durch den Krieg, nach dem er seine eigentliche musikalische Ausbildung – als Komponist bei Harald Genzmer und als Pianist bei Edith Picht-Axenfeld – an der Musikhochschule in Freiburg begann. Nach dem Studium war er als Musikreferent am Amerika-Haus in Freiburg, später als Lektor beim Schott-Verlag in Mainz tätig. Die Komposition betrieb er in der verbleibenden freien Zeit, niemals hauptberuflich. Seit Anfang der 90er Jahre komponierte er nicht mehr, da er sein Werk und seine Aussagen als abgeschlossen betrachtete.

Im Zeitraum von circa 1950 bis 1990 entstanden rund 200 Kompositionen, in deren Mittelpunkt die Kammermusik steht. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Vokalmusik, speziell das Lied bzw. der Liederzyklus. Daneben umfaßt das Werkverzeichnis Orchesterkompositionen, zahlreiche Konzerte, Klavier-, Orgel- und Cembalomusik sowie eine kleinere Anzahl von Bühnen-, Hörspiel- und Filmmusiken – aber keine Oper. Das Werkverzeichnis enthält darüber hinaus Unterrichtsliteratur und Orchesterschulwerke bzw. Kompositionen für Amateurorchester. Unter Pseudonym erschienen Bearbeitungen und internationale, für verschiedene Besetzungen arrangierte Folklore.

Zehms Vorliebe für die Kammermusik resultierte aus der eigenen kammermusikalischen Tätigkeit als Pianist, dem engen Kontakt zu Kammermusik- Ensembles, für die Werke eigens komponiert wurden, und der Möglichkeit, in der Kammermusik die „Konzentration auf das rein Musikalische am klarsten” zu erreichen. Nicht nur in der Kammermusik, sondern auch in anderen Sparten komponierte Zehm häufig aufgrund der Verbindung mit Musikern und Ensembles – also auf Anregung aus der Praxis und für die Praxis, das heißt für den Konzertsaal. Zum Beispiel wurde das Capriccio für Schlagzeug solo und Orchester für den Philharmonischen Orchesterverein Mainz geschrieben, das Trio capriccioso für das Trio der Freiburger Bläservereinigung oder Schwierigkeiten & Unfälle für einen Dirigenten und zehn Bläser für das Mainzer Bläserensemble. Einzelne Gitarrenwerke wurden angeregt von Anton Stingl, Dieter Kreidler und Konrad Ragossnig, Klavierstücke von Franzpeter Goebels und Flötenkompositionen unter anderem von Nikolaus Delius.

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